Eine Mail an uns

Der Text lag wohl jemandem auf dem Herzen. Er errichte uns mit einiger Verzögerung:

 

Es ist Freitag der 6. November 2015

… und es regnet, den ganzen Tag.

Ich fahr mit der Linie 11 durch Kiel und schau aus dem Busfenster. Der Bus fährt mich durch‘s Karlstal, weiter über die Gablenzbrücke. Wie lang ist es her, als ich bei der Post gearbeitet habe? Ein Zusteller quält sich durch den Regen über die Gablenzbrücke, schwer tritt er in die Pedalen seines vollbeladenen Fahrrads. Heute ist Freitag, also heißt das: Taschen, oder nach neuer Regelung besser gesagt Kisten vollladen mit dem EA(Einkauf Aktuell), das Werbeblatt muss Samstag in jedem Briefkasten liegen, auf dem kein Vermerk „(bitte) keine Werbung!“(„Widerrechtliches Einwerfen von Werbematerial ist eine Straftat und wird strafrechtlich verfolgt!“) angebracht ist. Die BürgerInnen dieser Stadt sind tatsächlich sehr einfallsreich, was die Beschriftung ihrer Briefkästen und Haustüren angeht… Also da fährt er nun, dieser unbekannte Zusteller und zehn Meter hinter ihm strampelt noch einer auf nem Postfahrrad, auch er schwer beladen, jedoch trägt dieser keine Arbeitskleidung, sondern private Klamotten. Dieses Bild nehme ich in letzter Zeit vermehrt wahr. Lauter „Neulinge“ bei der Post. Wo sind denn all die StammzustellerInnen hin? Ich fahre weiter. Hauptbahnhof, Andreas-Gayk-Straße, Bergstraße, Holtenauer Straße. Immer wieder tauchen gelbe Punkte auf, die sich als nasse ZustellerInnen entpuppen. An so einem Tag bin ich froh, kein Zusteller zu sein. Nicht durch den Regen zu müssen, keine Unruhe wegen der nass werdenden Post, für die ich die Verantwortung trage.

Was ist denn da los bei unserer guten, alten Post?
Wurde da nicht Anfang des Jahres gestreikt und demonstriert? Hat das denn überhaupt irgendjemand wahrgenommen?
Postler sind krank, es ist ja auch die Jahreszeit der Erkältungen. Bei den ZustellerInnen gibt es seit einiger Zeit jedoch eine neue Krankheit. Sie nennen diese „Delivery“, oder so ähnlich… . BürgerInnen dieser Stadt, habt also Verständnis für das Ausbleiben eurer Post, ich sage euch; die Zusteller eures Bezirks, die ihr nicht kennt, die liegen zu Hause in ihren Betten – mit Delivery!

„Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“ Froh sein, mal so richtig von Herzen Lachen, ruhig schlafen. Sich mal was gönnen.

„Arbeit muss sich lohnen!“
Einstiegsgehalt bei der (Deutschen) Post: circa elfeuroundsiebzig…zig…zig. Klingt doch verlockend für eine Arbeit – ohne Ausbildung -. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordentlichkeit, Freundlichkeit. Die Schlagworte des Unternehmens, welches den Weg einer staatlichen Institution hin zum privaten, wirtschaftlichen Unternehmen innerhalb der freien Marktwirtschaft mit schlagendem Moment der Konkurrenz -fast- geschafft hat. „Aktiengesellschaft Deutsche Post und DHL GmbH“ muss Dividende ausschütten, so wie alle anderen auch, wir sind hier ja auch nicht bei „Wünsch dir was“.

Du, Mensch DU! Wäre vor Jahren nicht „Amazon“(für ganz mutige Leser sei an dieser Stelle auf  www.arbeitsunrecht.de hingewiesen) in Deutschland einmarschiert, sähe die Lage der ZustellerInnen jetzt eh schon ganz anders aus, denn diese popeligen Briefe will ja heutzutage niemand mehr lesen, im Zeitalter des Internets. Also danke Amazon! Und danke auch an uns Konsumenten. Da hat der gemeine Postbote nochmal verdammt viel Glück jehabt, dass er noch Arbeit hat.  Ist doch toll, bezahlter Sport!
Ich treffe hin und wieder PostkollegInnen und die haben sich dann doch stark verändert. Sie waren mal froh über ihren Job. Die haben auch oft herzhaft gelacht und sich was gegönnt. „Der Traum ist aus!“ hatte Rio Reiser schon gut erkannt. Jetzt wird nicht mehr gelacht, jetzt wird abgerechnet.

Wertschätzung der Mitarbeiter bei der (Deutschen) Post: gen‘ null. Immer wieder eine andere Tour, Berge von aufgestauten Briefen, die es abzuarbeiten gilt. Täglich neue Gesichter in den Zustellstützpunkten, die eingearbeitet werden müssen und mit Fragen nerven. Kaputte Fahrräder,  ja auch E-Bikes (ist übrigends ne fiese Sache, wenn einem das E-Bike auf der Tour versagt und man so ein schweres Fahrad dann doch per Körperkraft nach Hause bringen muss). Naja, bezahlter Kraftsport eben. Kraftmaschine Mensch. Du kannst alles erreichen, wenn du dich nur ordentlich anstrengst, also los lieber Michael, Schu… .

Im letzten Jahr wurde sehr vielen Angestellten der (Deutschen) Post gekündigt, oder geschickter gehandhabt: ihre befristeten Verträge nicht verlängert. Ja, so einfach ist das, lieber Frank Appelt. Du scheinst dich ganz wohl in deiner Haut zu fühlen, in Bonn. Du kennst ja unsere Alltagsprobleme nicht… Du meinst, wir könnten alles erreichen, wenn wir nur wollten und Arbeit gibt es auch genug, man kann ja sonst auch in ein anderes Land ziehen, einfach mal ne andere Sprache lernen, oder etwa nicht?

Hier wollen nur viele, viele Menschen gar nicht alles erreichen, sondern tatsächlich nur eines, nämlich Leben, würdig behandlet werden. Hast du dich nicht eigentlich intensiv mit der Gehirnforschung auseinandergesetzt, während deiner Studienzeit? Versuchstiere ZustellerInnen, oder wie? In einer Welt, wie du sie dir scheinbar vorstellst, möchte ich jedenfalls nicht für dich, oder mit dir leben. Du Dividende, Du!

Es grüßt freundlich,
ein Mensch des Jahres 2015.

 

 

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2 Kommentare zu Eine Mail an uns

  1. Der obige Beitrag wendet sich teilweise dierekt an den Konzernchef Appel.

    Nun können wir lesen, „Post-Chef Frank Appel kann zufrieden sein“.

    Das Handelsblatt berichtet:

    Post-Chef Frank Appel kann zufrieden sein. Der Gelbe Riese aus Bonn verzeichnet beim Gewinn ein Rekordquartal – dank des florierenden Paket-Geschäfts und der Sanierung der Frachtsparte. „Nach dem stärksten zweiten Quartal unserer Geschichte sind wir nach wie vor auf dem besten Weg, unsere Ziele zu erreichen“, sagte Appel und bekräftigte die Jahresprognose. Der operative Gewinn soll auf 3,4 bis 3,7 Milliarden Euro steigen von 2,41 Milliarden Euro im Vorjahr. Auch Analysten der Commerzbank erwarten, dass Appel die Prognose für 2016 bestätigen wird. Die Experten gehen von 3,5 Milliarden Euro aus.

    Im zweiten Quartal kletterte das operative Ergebnis (Ebit) um 40 Prozent auf 752 Millionen Euro, der Umsatz ging hingegen um 3,5 Prozent auf 14,2 Milliarden Euro zurück. Grund dafür sei neben Währungseffekten der geänderte Ausweis von Umsätzen in einem großen Kundenvertrag. Bereinigt um diese Effekte legte der Umsatz um 4,1 Prozent zu. Die Erwartungen des Marktes übertraf der Bonner Konzern. Analysten hatten mit einem Umsatz von 14,16 Milliarden Euro und einem Ebit von 725 Millionen Euro gerechnet.

    Der deutliche Gewinnanstieg wurde auch durch die Fortschritte bei der Frachtsparte möglich. Wie aus dem Konzern zu hören ist, kommt Appel mit deren Sanierung voran. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: Der Bereich steigerte den operativen Gewinn um 72,5 Prozent auf 69 Millionen Euro.

  2. Die Aktionäre kommen aus dem Jubeln nicht mehr heraus.

    Gleichzeitig:
    Die Kunden sind frustriert, das Funktionieren einer Zustellung wird zur Glücksache.
    Die Beschäftigten haben die Schnauze voll. Neueinstellungen gibt es über die Billigheimer Home Delivery oder bei den diversen Subunternehmen. Da hat kaum noch jemand Bock anzufangen. Das wird offensichtlich:

    Göttingen Post-Filiale am Hauptbahnhof geschlossen

    Kunden der Postfiliale am Hauptbahnhof in Göttingen standen am Donnerstagmorgen vor verschlossener Tür. Die Filiale bleibt den ganzen Tag geschlossen. Als Grund nannte die Postbank die angespannte Personalsituation.
    Göttinger-Tageblatt

    Die Gewerkschaft ver.di spricht von einem bundesweiten System. Die Post schließe jeden Tag bundesweit bis zu 60 Filialen, sagte Markus Westermann von ver.di in Hannover. Der Grund sei ein massiver Personalabbau in den vergangenen Jahren.
    ndr.de

    Schwierige Suche nach Zustellern
    Post klagt über Bewerbermangel

    10.000 zusätzliche Zusteller will die Deutsche Post im Weihnachtsgeschäft einsetzen. Doch diese sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt derzeit kaum zu finden, klagt der Konzern.

    n-tv

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